Prolog Nebelläufer

„Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder.“ – Hermann Hesse

Prolog

Der Wind sang von Tod und Neugeburt.

Wartend und suchend kreiste er über die Eiswüste wie ein lauernder Jäger. Hier und da drang er in die tückischen Spalten, rieb sich an aufragenden Eistrümmern und riss an den weißen, zerzausten Haaren des Mannes, der mit geschlossenen Augen auf einer solchen Erhöhung stand und lauschte.

„Und? Was verheißt das Lied des Windes?“

Ein weiterer Mann trat neben ihn. Seine Sorgenfalten ließen die Furchen seines altersgezeichneten Gesichts noch tiefer wirken.

„Vieles und nichts. Er spricht nicht besonders klar heute.“ Der erste Mann öffnete die Augen.

„Das tut der alte Eisbringer nie, es sei denn, er verkündet Sturm.“ Der Ältere seufzte und folgte dem Blick des anderen zum grauen Himmel. „Und manchmal flüstert er von den Tagen, als der Himmel noch blau war und unser Volk noch zahlreich.“

Der andere lachte bitter. „Beides sind schöne Märchen für die Kinder und wenn der Wind sie nur noch flüstert, sollten wir überlegen, ob wir sie überhaupt noch erzählen. Aber ich lausche nicht dem Wind, Zephyr. Sie sind so still.“

Beide Männer sahen auf das Zelt herab, das notdürftig aus Häuten und Speeren im Windschatten der Anhöhe aufgebaut worden war.

„Und was ist mit dir, Kanye? Solltest du nicht singen für deine Frau und dem Kind zeigen, dass du es begrüßt?“

Kanye knurrte grollend. „Was haben sie bisher geholfen, diese Lieder? Keinem der Kinder haben sie Atem geschenkt und bei diesem wird es nicht anders sein. Es kommt viel zu früh! Hier draußen ohne die Segnerin sind seine Chancen noch geringer.“

„Gerade deswegen solltest du für es singen, mein Freund.“

„Ich werde noch genügend singen, später wenn Lilinoe trauert. Ein weiteres totes Kind wird sie wieder zerstören und  ich will sie nicht schon wieder verlieren. Sechs Monde nach dem letzten. Sechs Monde! Noch einer mehr und ich hätte die Weisung der Segnerin gebrochen und wäre sie suchen gegangen! Wie lange wird sie diesmal dem Windruf folgen? Acht? Zehn? Ein ganzer Kreis? Ich wünschte, sie würde es endlich aufgeben.«

„Nicht alles Eis der Weißen Lande kann das Herz einer Frau kühlen, die sich ein Kind wünscht. Firniss sei Dank hören sie nicht auf bittere Männer. Unser Volk braucht Kinder.“

„Eine neue Heimat braucht es!“ Kanyes Stimme klang hasserfüllt. „Wie kann es sein, dass dieses Geschmeiß sich vermehrt und ihre hässlichen, rosigen Würmchen auch unter diesem Himmel gedeihen, obwohl sie sonst in allem so viel empfindlicher sind als wir? Krankheit, Kälte, Verletzungen – sie sterben so leicht wie Fliegen, aber noch schneller wachsen ihre dicken Maden heran.“

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„Sch, sch!“ Zephyr hob mahnend die Hand. „Solch bittere Worte bringen Unglück bei einer Geburt! Wenn du nicht für sie singen willst, werde ich es tun.“

Bevor er jedoch dazu kam, das Lied der Wartenden Welt anzustimmen, erklang von unten ein Schrei. Kanye knurrte wieder, tiefer und beunruhigt diesmal, und sprang mit einem Satz von der Anhöhe herab vor das Zelt. Zephyr landete direkt hinter ihm. „Das war Mele!“

Kanye sagte nichts, sondern griff nach dem Ledervorhang, der den Eingang versperrte. Dann erstarrte er mitten in der Bewegung.

Drinnen schrie ein Kind.

Die Anspannung fiel von Kanye ab, er taumelte zurück, wo ihn Zephyr umarmte und seine Stirn herzlich gegen seine eigene presste. „Sagte ich nicht, du darfst nicht aufhören zu hoffen? Und nun hör, wie lebendig und kräftig es klingt! Wenn das nicht nach einem wahrhaften Himmelsstürmer klingt!“

Kanye lachte und Zephyr lachte mit ihm. Zu dem Schreien des Kindes mischte sich Meles sanfter Gesang. Dann flüsterte sie etwas, aber es war zu leise, als dass die beiden Männer es verstanden hätten.

Als der Vorhang endlich ein Stück zur Seite geschoben wurde, hielten beide den Atem an. Mele trat nicht aus dem Zelt heraus, sondern blieb mitten in der Öffnung stehen, halb unter dem Vorhang verborgen. In den Händen hielt sie ein Fellbündel.

Ein kleines Gesicht schaute mit großen blauen Augen daraus hervor, die Haare klebten feucht am Kopf.

„Es ist ein Mädchen“, sagte Mele.

Kanye betrachtete das Kind fasziniert und streckte die Arme aus, aber dann bemerkte er Meles Gesichtsausdruck. „Was ist los?“, fragte er besorgt. „Wie geht es Lilinoe?“

„Sie hat die Geburt gut überstanden.“ Mele atmete tief ein, als läge ein schwereres Gewicht in ihren Armen als das kleine Wesen. „Aber das Kind, Kanye, es ist…“

Langsam öffnete sie das Fell. Das Kind bewegte unruhig Arme und Beine, als seine Haut der eisigen Luft ausgesetzt wurde.

Beide Männer starrten es an. Zephyr murmelte etwas, Mele bewegte den Mund, aber Kanye hörte sie nicht. Seine Augen hingen an diesem nackten unvollständigen Ding in Meles Armen, klein, blutverschmiert und grausam missgebildet.

„Was hat sie getan?“, flüsterte er entsetzt. „Was bei allen Windträgern ist das? Das ist doch keins von uns, niemals eins von uns! Lilinoe!“

Mit einem Zornesschrei packte er Mele am Arm, zerrte sie zur Seite und drängte sich durch die Zeltöffnung.

„Lilinoe, was hast du getan?! Was ist das?“

Eine Frau mit verschwitzten weißen Haaren lag auf den blutigen Fellen auf dem Boden und sah erschöpft zu ihm auf. „Unsere Tochter, Kanye.“

„Tochter?“, wiederholte Kanye und die scharfen Krallen seiner Füße gruben sich in die Felle. „Diese Missgeburt ist nie und nimmer meine Tochter! Das ist ein Mensch!“

„Bitte, Kanye! Sie trägt Wind in sich! Endlich, verstehst du? Denk daran, wie du ihrem Herzschlag gelauscht hast in den letzten Monden und sie lebt! Der Rest ist egal.“

„Egal?!“ Kanye spreizte mit einer ruckartigen Bewegung seine Flügel auf. Sein Fellumhang landete auf dem Boden, die Zeltwände wurden umgerissen, alles wich der Kraft der gewaltigen, hautbespannten Schwingen. „Dieses Ding hat keine Flügel! Keinen Schwanz, keine Krallen – es sieht aus wie einer von ihnen!«

„Ihre Kinder überleben.“ Lilinoe presste ihre Flügel eng an den Körper, die Augen weit und verzweifelt. „Sie sind schwach und flügellos, aber ihre Kinder überleben, während unsere… Ich habe so sehr gehofft, Kanye, die ganze Zeit. Sie lebt und es sind unsere Augen, sieh sie dir doch an! Sie ist eine von uns!“

„Du Hure!“, brüllte Kanye. »Du hast gesagt, du müsstest dem Windruf folgen, und ich habe dich gehen lassen! Allein, wie du es wolltest, so lange, wie du es wolltest – und das ist das Ergebnis? Du hast es gewagt, dich zu einem Menschen zu legen?“ Um ihn herum heulte der Wind auf wie ein wundes Tier und blähte die hellen Flughäute seiner Flügeln auf.

Zephyr war mit einem Satz an seiner Seite und packte ihn an der Schulter. „Halt ein, bevor du etwas bereust und hör sie an, bevor du urteilst.“ Der Blick, den er der Frau am Boden zuwarf, war trotz der schützenden Worte hart.

»Ich habe dich nicht betrogen, Kanye.« Lilinoe kauerte auf dem Boden, den Kopf leicht gesenkt und die Flügel demütig gefaltet.  Sie sprach hastig wie jemand, dessen Worte sich zu lange aufgestaut hatten. »Ich hätte nie – niemand hat mich berührt. Kein Mann, kein Mensch, du musst mir glauben. Ich bin dem Windruf gefolgt und er hat mich zur Gefrorenen Träne geführt. Sie, sie haben dort einen Steinbau errichtet, groß wie die Bilderhöhle, ganz aus gebrannter Erde und Fels und Lichtstein, und sie nennen es Tempel. Den Furchtbarkeitstempel. Die…ihre Frauen gehen zum Beten dorthin und bitten um den Segen ihrer Göttin für gesunde Kinder. Ich dachte, wenn sie ihnen so viele Kinder schenkt, vielleicht…«

»Du warst bei den Menschen? Und hast zu ihrer Göttin gebetet?«, fragte Zephyr ungläubig.

»Vom Beten kriegt man keine Kinder!«, fuhr Kanye auf. »Wer hat dieses verdammte Ding gezeugt?!«

Der Wind wurde stärker, zerrte an seinen weißen Haaren, riss an den Umhängen der anderen und wirbelte den Schnee empor.

Das Kind fing an zu weinen. Augenblicklich fuhr Kanye herum, aber Mele wich zurück und presste es schützend an sich. „Hole Luft, bevor du Sturm rufst, Bruder!“, sagte sie bestimmt und spreizte ebenfalls ruckartig ihre Flügel weit auf. „Egal wie es aussieht und entstanden ist, es ist das Kind deiner Frau, und ich lasse nicht zu, dass du ihm etwas tust!»

Kanye stand drohend vor ihr und der Sturm tobte. Seine blauen Augen brannten einen eisigen Blick in das weinende Kind.

Mele stand ihm gegenüber, Zephyr trat neben sie. »Was mit ihm geschieht, ist nicht dein zu entscheiden, Kanye“, sagte er leise.

Schließlich atmete Kanye tief ein und der Wind klang ab.

„Dann soll es der Rat entscheiden.“ Seine Stimme klang leer. „Aber egal wie das Urteil ausfällt, es ist ein Mensch mit blauen Augen, mehr nicht. Niemals einer von uns. Niemals ein Arashi – und bei den sieben Namen des Windes, niemals meine Tochter.“

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Normalerweise wäre es eine laute Nacht voller Feuer, Trommelklänge und Windspiele gewesen. Eine Nacht, in der sie getanzt und gesungen hätten, um dem Neuankömmling zu zeigen, wie das Volk der Arashi den harschen Bedingungen der dunklen, eisigen Welt trotzte.

In dieser Nacht jedoch herrschte Stille. Die Trommeln lehnten ungenutzt an den Felswänden, die Windspiele hingen still. Jeder wartete auf die Entscheidung.

Weit oberhalb der Höhlen, auf dem vereisten Gipfel des Kintella, standen die sieben Ältesten ihres Volkes im Kreis. Auf dem steinernen Altar in ihrer Mitte lag das Kind.

„Es hat keine Flügel, seht es doch an!“ Der Höhlenmeister hieb frustriert seinen Speer in den Schnee. Er war ein großer Arashi, dem man ansah, dass er normalerweise einen Windhammer schwang, statt eines zeremoniellen Speers. „Wie soll so ein Ding leben hier draußen? Es kann nicht fliegen, nicht jagen, nicht fliehen. Eine von uns und ein Mensch – so ein Mischding hätte nicht einmal möglich sein dürfen.“

„Aber es ist!“, widersprach die Segnerin scharf und ihr langer Schwanz peitschte ungeduldig über den Boden. Ihre Stimme wurde sanfter, als sie zu dem Kind trat. „Aber es ist… Und auch wenn es kein Himmelsstürmer ist, so hat seine Mutter doch Recht, diese Augen sind keine Menschenaugen. Es sind die Himmelsaugen der Arashi.“

Mit weichem Gesichtsausdruck sah die alte Frau auf das Kind herab und erwiderte dessen noch wenig zielgerichteten Blick. Für sie war dieses Kind Leben und ihre Aufgabe bestand darin, das Leben zu achten. Sie segnete die, die ihren ersten Atemzug nahmen und die, die ihren letzten hauchten, und dazwischen heilte sie die Kranken, tröstete die Traurigen und setzte alles daran, den Wind frei zu lassen, der alles Leben durchdrang. Es spielte für sie keine Rolle, welche Formen er dabei füllte.

„Jetzt sind es nur noch die Augen des ewigen Eises“, widersprach der Höhlenmeister. „Ich sage, die Augenfarbe allein macht keinen von uns. Ein Mensch mit blauen Augen bleibt ein Mensch. Was sagst du, Okelani?“

Er sah zu der kleinen, zierlichen Frau, die sich bisher enthalten hatte. Sie trug ein blau gefärbtes Wollkleid und blaue Bänder in ihre weißen Locken geflochten. Es war die Himmelsdeuterin, die Seherin ihres Volkes.

Okelani lächelte vage. „Du hast Recht, eine Flügellose ist für unser Leben nicht geeignet. Aber wenn es ein Mensch ist, was entscheiden wir dann über sein Leben? Wir sollten es ihnen überlassen. Was die Menschen mit einem der ihren machen, ist unsere Verantwortung nicht, wohl aber, ob wir ein unschuldiges Wesen töten. Zumindest dieses dort hat uns nichts getan.“

„Noch nicht!“, mischte sich der Oberste Jäger wütend ein, ein alter Arashi, der mehr als alle anderen im Rat des Sieben die Menschen hasste. „Aber es wird heranwachsen und tun, was sie alle tun – diese Welt zugrunde richten, während wir uns verstecken und es geschehen lassen. Klein und unschuldig ist es nur jetzt. Wer weiß, was aus ihm wird!“

„Niemand von uns weiß es“, sagte die Himmelsdeuterin. „Daher lasst mich den Himmel befragen, was er diesem Kind für eine Zukunft verheißt.“

Sie sah der Reihe nach alle anderen Arashi an und einer nach dem anderen nickten, selbst die Segnerin und der Höhlenmeister. Okelani trat hinter das Kind und breitete die Flügel aus. Dann fing sie, den Blick nach oben gerichtet, leise an zu singen.

Farbige Schlieren zeichneten sich langsam auf dem schwarzen Himmel ab und tanzten über ihn hinweg. Lichtmalereien in Blau und Grün und Rot, die ineinanderflossen, zerfielen und neue Muster bildeten. Der Gesang der Himmelsdeuterin wurde kräftiger und mit ihm die Intensität der Farben, die die Arashi gierig einsogen, denn die weiße Eiswüste bot wenig davon.

Dann verstummte Okelani.

Sie hatte die Schwingungen erzeugt, aber was sie zeigen würden, lag nicht in ihrer Hand.

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Nach und nach veränderten sich die Farben. Die grünen und blauen Bänder verschwanden, die roten blähten sich auf und vor ihnen erschien ein kleiner heller Umriss wie ein fliegender Vogel. Aus der roten Wolke streckten sich lange Arme nach ihm aus, aber der Vogel erwachte plötzlich zu Leben. Er flackerte und tauchte unter den Armen hinweg, immer wieder, selbst dann, wenn sie ihn streiften und sein Licht wieder flackerte. Die Zahl der langen Arme nahm zu. Wie rote Schlangen wanden sie sich ineinander zu einer Spirale und zogen ein dichtes Knäuel um den hellen Umriss, bis dieser ganz darin verschwand.

Okelani sah düster nach oben, dann keuchte sie auf. Das Rot wurde noch intensiver und pulsierte. Aus dem Knäuel wurden Flammen und darunter lagen die Umrisse von Städten, von fliehenden Gestalten, von Trümmern und Krieg, von brechenden Bergen und sterbenden Wäldern, von fliehenden Tieren und roten Flüssen, und über allem stieg ein brennender Vogel empor, umgeben von goldenem Schein.

Er war groß, so gewaltig, dass er den Nachthimmel erhellte wie eine kleine Sonne. Einen Augenblick lang blähte er sich über der Plattform auf und warf sein golden glühendes Licht über sie.

Dann schlug er mit den Flügeln und alle Bilder zerfielen. Das Licht, das er ausstrahlte, färbte sich blau und wurde stärker. Ein oder zwei Arashi pressten sich die Hand gegen den Mund, der Höhlenmeister atmete tief ein. Sie alle schauten gebannt und fasziniert nach oben, wo sich ihnen ein Bild bot, das selbst sie, die Ältesten ihres Volkes, nur aus den Erzählungen und Liedern kannten.

Über ihnen leuchtete ein blauer Himmel.davide-cantelli-186883

Mitten in diesem strahlenden Blau glitt der Vogel herab bis dicht über das Kind, das mit großen Augen zu dem Licht sah und dann eine winzige Hand danach ausstreckte.

Alles zerfiel wie ein Nebelgebilde, das ein Windstoß erfasste. Der Vogel löste sich auf, das Blau verblasste und zurück blieb nur der leere Himmel, dunkel und kalt.

Niemand sprach ein Wort. In den Gesichtern der einen lag Verwunderung, in den der anderen Sorge. Mancher sah noch sehnsüchtig nach oben, als hoffte er, das Bild würde zurückkehren.

Okelani beugte sich schwach über den Altar und stützte sich mit den Armen darauf ab. Ihre langen weißen Locken fielen bis zu dem Kind herab.

„Armes Kind“, flüsterte sie. „Armes, armes Kind.“

„Was bedeutet es?“, fragte der Höhlenmeister unruhig. „Welches Schicksal hat der Himmel offenbart?“

„Hast du es nicht gesehen, Boreas? Nie zuvor hat er so klare Bilder gemalt.“ Die Himmelsdeuterin sah nachdenklich das Kind an. „Ein blauer Himmel – oder ein zweites Weltenfeuer.“

„Zwischen beiden Möglichkeiten liegt ein beträchtlicher Unterschied“, murmelte der Oberste Jäger. „Ist es nun Gefahr für unser Volk oder nicht?“

Okelani richtete sich wieder auf. Sie schwieg lange, aber niemand drängte sie. Schließlich seufzte sie. „Unser Volk stirbt. Langsam, aber unaufhörlich, so zäh wir uns auch dagegen wehren. Die Dämmerzeit gleitet in die Dunkelzeit… So oder so wird dieses Kind dafür sorgen, dass die Arashi sich nicht länger verstecken, dass sie keine toten Kinder mehr betrauern und nicht mehr an einem grauen Himmel fliegen müssen.“ Ruckartig streckte sie die Schwingen nach oben und sprach ihr Urteil. „Leben! Damit der Wind der Veränderung die Arashi trägt oder uns endlich hinwegreißt, sage ich, lasst dieses Kind leben!“

Der Höhlenmeister sah den Obersten Jäger an. Dessen Gesicht war von tiefen Sorgenfalten gezeichnet. Die breiten Schultern sanken herab. „Vielleicht soll es sein“, sagte er. „Es zu töten, hält unseren Niedergang nicht auf – und hoffentlich reißt es wenigstens die Menschen mit. Geben wir ihnen ihre Brut zurück!“ Seine weiten Schwingen klappten hoch. Der Höhlenmeister folgte, der Fährtensucher, die Hüterin der Windmuscheln und alle weiteren, bis die Flügel aller Ältesten sich streckten.

„Wenn wir ihm Leben schenken, dann auch einen Namen.“ Okelani strich dem Kind sanft die schwarzen Haare zurück.

„Wozu das?« Der Oberste Jäger runzelte missmutig die Stirn. »Der Rat benennt die Kinder unseres Volkes, nicht irgendwelche Menschenwürmer. Sollen die ihm einen Namen verpassen, wenn sie es am Leben lassen wollen.“

„Namen besitzen Kraft, und dieses Kind wird viel davon brauchen“, verteidigte die Segnerin den Vorschlag und nickte der Himmelsdeuterin bestätigend zu.

Okelani beugte sich tief zu dem Kind herab. „Vor dir liegt kein leichtes Leben, kleine Flügellose“, sagte sie und ihre Stimme klang schwer. „Nie wirst du deine Schwingen spannen, nie wird der Wind dich tragen. An den Boden gebunden, mit Augen gestraft, die nie erblicken, was die Himmelsstürmer sehen. Mögen zumindest deine Ohren hören, was die Menschen in ihrem Geschrei nicht wahrnehmen. Mögen die Lieder des Windes dich begleiten und dir den Weg weisen – vielleicht sogar einen, den selbst unsere Augen nicht sehen. Möge dein Wille unbeugsam sein. Sei stark und finde deinen Weg, Las’Koa, Lebenskämpferin.“

Sie küsste das Kind auf die Stirn. Es streckte wieder die Füsschen in die Luft und griff mit den kleinen Fingern nach Händen, die ihm niemand reichte.

Der Wind schwieg.

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